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Heiner Müller wurde 1929 in Eppendorf, im Osten Deutschlands geboren und starb 1995 in Berlin. Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR und unbestritten der wichtigste deutsche Dramatiker (manche würde sagen, der wichtigste europäische Dramatiker) in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine 30 Stücke haben zu einer Neuorientierung des modernen Theaters im europäischen und angelsächsischen Raum beigetragen. Seine bedeutendsten Werke (Die Hamletmaschine, Quartett, Medeaspiel) wurden übersetzt und weltweit auf die Bühne gebracht. Alexander Kluge wurde 1932 in Halberstadt in Deutschland geboren. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaft, etablierte er sich als einer der führenden Autoren, Filmemacher und Intellektuellen in Deutschland. Zusätzlich zu seinen 14 Spielfilmen, unter denen drei zu Klassikern des Neuen deutschen Films der 60er und 70er Jahre gehören, zeichnet Kluge für eine Vielzahl an Dokumentarfilmen und Kurzfilmen verantwortlich. Über ein Frage-Antwort-Spiel hinausgehend, dokumentiert der Diskurs dieser beiden bedeutenden Personen, eine einzigartige Betrachtung der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Die Interviews/Diskussionen wurden zwischen Juni 1988 und November 1995 geführt. Kurze Zeit später, am 30. Dezember 1995, starb Heiner Müller im Alter von 67 Jahren. Wichtig in Bezug auf den Beginn der Interviews ist, dass sie ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer, am 9. November 1989, aufgenommen wurden. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass kein anderer Schriftsteller oder Intellektueller aus der damaligen DDR jemals im westdeutschen Fernsehen erschienen und anschließend in sein Heimatland zurückgekehrt war. Betrachtet man die Ereignisse, die sich während der acht Jahre in denen die Interviews geführt wurden, abspielten, verwundert es nicht, dass unabhängig vom thematischen Schwerpunkt der einzelnen Gespräche immer wieder explizit und implizit auf den historischen Kontext in dem sie geführt wurden, Bezug genommen wurde. Beispielhaft dafür ist das Gespräch über Heiner Müllers Hamlet-Projekt, das sich über dreißig Jahre hinzog. Es umfasste die Übersetzung von Shakespeares Hamlet und die Ausarbeitung seines eigenen Meisterwerks Hamletmaschine. Das Projekt mündete schließlich in der Aufführung einer siebeneinhalbstündigen Hamletinszenierung, die Müller während und nach den Ereignissen von 1989 erarbeitet hatte – eine Produktion, die die Bedeutung der Krise in Shakespeares Stück und seiner Zeit betont und sie auf die krisenhafte Situation im Zuge der deutschen Wiedervereinigung 350 Jahre später bezieht. Ein anderes Interview behandelt ausführlich Müllers Rolle, die er in der politischen Entwicklung der DDR innehatte: Seine Beziehung zur Macht, das Wissen um seine Privilegien und Schwächen usw. Die persönliche Beziehung zu Kluge, sein Vertrauen zu ihm, erlaubt es dem Dramatiker Müller, sich in den Gesprächen selbstkritisch mit seinem komplizierten Verhältnis zur Regierungspartei auseinander zu setzen. Kluge bringt Müller darüber hinaus dazu, ausführlich über seine Rolle bei den entscheidenden Demonstrationen vom 4. November 1989 in Ostberlin zu sprechen, bei denen er eine Rede vor 500.000 Menschen gehalten hatte.

Kluge und Müller sind bekannt dafür, Interviews als eine Form des dialogischen Philosophierens zu nutzen. Unglücklicherweise sind fast sämtliche ihrer Interviews bisher lediglich in schriftlicher Form erhältlich. Die Müller-Kluge Dialoge in Bild und Ton verschaffen uns eine einzigartige Möglichkeit all das zu erleben, was über die bloße Artikulation hinaus in den Gesprächen vermittelt wird. In diesem Fall geht es über Gesten, Geräusche und Mimik des Befragten sogar hinaus. An verschiedenen Stellen, ergänzt Kluge den Gesprächsteil um Zeichnungen, die von merkwürdigen Schriftzeichen gerahmt und von Musik begleitet werden. Das Innovative an Kluges mittlerweile legendärem TV-Format „Kulturmagazin“ ist das Ausmaß an Grenzüberschreitungen des Mediums Fernsehen, die er durch einen faszinierenden Gebrauch an Montagetechniken erreicht. Sie sind für ihn zentrale Formen visueller und akustischer Entfremdung.

Die vorliegende Sammlung wurde Dr. Rainer Stollmann, einem führenden Kenner von Kluges Werk und Professor für Germanistik und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen, von Alexander Kluge zur Verfügung gestellt. In Zusammenarbeit mit David Bathrick, Professor für Germanistik und Literaturwissenschaft an der Cornell Universität und der Universitätsbibliothek Cornell werden diese Interviews, versehen mit Transkriptionen, Übersetzungen und zusätzlichen Informationen, nun öffentlich zugänglich gemacht.